Montag, 02. April 2012, 20:00 Uhr
# Late NITE Lacan
DIE RÜCKSEITE DER PÉRE-SPEKTIVE
(Sebastian Kirsch, Bochum/Berlin)
In seiner berühmten Darstellung der „Spaltung von Auge und Blick“ (Seminar XI) beschreibt Lacan eine grundsätzliche Zweiteilung des optischen Feldes, die er mit Verweis auf die Einrichtung der Zentralperspektive um 1600 in einen engen Zusammenhang mit der Entstehung des cartesianischen Subjekts, des „Subjekts der Psychoanalyse“, rückt. Im modernen Sehvorgang arbeiten, wie Lacan zeigt, immer schon zwei Prinzipien, das „geometrale“ und das „visuelle“, die einander asymmetrisch entgegengesetzt und doch untrennbar miteinander verbunden sind. Wie Hubert Damisch und andere im Anschluss an Lacan gezeigt haben, hat der große Fehler einer traditionellen Kritik der Zentralperspektive darin bestanden, in ihrer Konzentration auf die geometrale „Vorderseite“ die visuelle „Rückseite“ vernachlässigt zu haben – eine Erkenntnis die bei genauerem Hinsehen strukturell analog mit dem „anti-ödipalen“ Vorwurf ist, die Psychoanalyse habe sich nur auf die familiäre/väterliche Herkunft des Subjekts konzentriert und dabei seine zweite Herkunft übersehen, die man als „Gattungsherkunft“ bezeichnen könnte.
Ich möchte darum zeigen, inwiefern gerade Lacan mit seiner Entdeckung der Rückseite der Perspektive (oder „Père-spektive“) die Möglichkeit eröffnet, einen unauflöslichen Widerstreit zwischen diesen zwei Herkünften zu denken. Damit soll zugleich nach jener Linie in Lacans Denken gefragt werden, die ein anderes symbolisches Feld im Jenseits der symbolischen Kastration erkundet und die speziell in Seminar XI eine erste explizite Formulierung in der Konturierung des Triebs gegenüber dem Begehren findet.
Sebastian Kirsch ist u.a. Mitarbeiter und „Lehrkraft für besondere Aufgaben“ am Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum
vergangene Termine:
Mittwoch, 15. Februar 2012, 20:00 Uhr
# Late NITE Lacan
Filmbesprechung: Opfer – Andrej Tarkovski
(Marco Meuli, Zürich)
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Andrej Tarkovskis Film »Opfer« von 1986 stellt eine philosophische Auseinandersetzung mit einer als »materialistisch« kritisierten Gesellschaft dar. Dabei überzeugt die immanente Gesellschaftskritik, wie auch die Konzeption von Opfer und Ereignis als Bedingungen der Möglichkeit »autonomer« Subjektkonstitution. Jedoch wo Religion und Spiritualität die Rolle einer »Aufklärung der Aufklärung« einnehmen, nötigt der Film auch zur Kritik. Entlang dieser im Film enthaltenen Bruchlinie einer Gesellschaftskritik, die partiell hinter sich selbst zurückfällt, wird sich die Diskussion erstrecken.
Marco Meuli studiert Philosophie und Kulturanalyse an der Universität Zürich und ist
Mitglied im Lacan Seminar Zürich.
Mittwoch, 14. Dezember 2011, 20:00 Uhr
# Late NITE Lacan
Das Subjekt zwischen Einschrift und Auslöschung –
Aphanisis
(Andrea Wald)
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Im Zentrum des kommenden Late Nite Lacan wird die Frage nach der Subjektkonstitution bei Lacan stehen. Wie ist dessen Begriff der Subjektivität zu verstehen? Wie sind Welt und Subjekt miteinander verwoben? Und welche ‚Aufgabe’ hat das Subjekt nach Lacan für das Individuum zu leisten?
Ich möchte mich diesen Fragen durch die Analyse des Lacanschen Begriffs der Aphanisis annähern wie dieser ihn in Seminar XI (Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse) in Abgrenzung zu Jones entwickelt hat. Während Jones Aphanisis als ‚Angst vor dem Verschwinden des Begehrens’ versteht, reinterpretiert Lacan jenes Verschwinden als grundsätzlich und subjektkonstitutiv. Das Subjekt verschwindet. In diesem Verschwinden aber, und nur durch dieses Verschwinden, kann es sich im Symbolischen verankern.
Im Zentrum des Workshops wird ein Close Reading von zwei Kapiteln aus Seminar XI (Kapitel XVI und XVII) stehen. Ausgehend davon sollen Verbindungen zu Lacans Buchstabentheorie sowie zu seinen Überlegungen zu Alienation und Separation gemacht werden.
Montag, 7. November 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan: Lacan als Analytiker lesen...
(Sándor Ivády)
Obwohl er es selbst behauptet hat, hat man Lacan selten wirklich geglaubt, dass er in seinen Seminaren als Analysant spreche. Was aber, wenn man die Wette eingeht und ihm vertraut? Müssen wir nicht gerade weil Lacan als Analysant spricht ihn als Analytiker lesen?
Mithilfe dieser Lektürestrategie werde ich von den vier Diskursen ausgehen und diese als Instanziierung einer Invariante des Lacan'schen Denkens auffassen.
Montag, 3. Oktober 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan: Enjoy your job!
– zu Leistungsprinzip und Genießen im Kapitalismus
(Noah Holtwiesche)
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[Folien]
Zur kapitalistischen Arbeitswelt heute gehört, daß Arbeit nicht mehr Mühsal und Entfremdung sein, sie nicht der "Not des Lebens" gehorchen soll, von der Freud noch sprach. Statt dessen soll das Erbringen von Leistungen, die Unterwerfung unter das Leistungsprinzip dem Subjekt ein Genuß sein, Freude und Glück bringen.
Diesen Imperartiv zum Genießen von Leistung und Arbeit möchte ich anhand dreier Theorien schärfer konturieren und diskutieren: (1) anhand der Gesellschaftskritik Herbert Marcuses, dem vergessenen Stichwortgeber der sexuellen Befreiung; (2) anhand des Konzepts des "Flow" als leistungssteigernde, "optimale Erfahrung", wie es der Psychologe Mihaly Csikczentmihalyi entwickelt hat; und (3) anhand von Lacans Theorie des Subjekts, insbesondere seiner Gegenüberstellung von Genießen und Begehren.
Montag, 18. Juli 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan: Der Herr und die Analyse
(Sándor Ivády)
Jacques Lacan bringt in seinem Seminar XVII den Diskurs des Analytikers und den Diskurs des Herrn miteinander in Zusammenhang. Dabei bedient er sich einer Metaphorik in Anlehnung an die Topologie des Möbiusbandes, wenn er von »L'envers de psychoanalyse« spricht, die nur behelfsmäßig als »Kehrseite« übersetzt worden ist. Den genauen Ort der Umstülpung, der »Kehre« oder der Torsion zwischen beiden Diskursen festzuhalten geht zwar notwendigerweise fehl - doch mithilfe der von Lacan präsentierten Formalisierung lassen sich die unterschiedenen Momente und Bezüge des Diskurs des Herrn und des Diskurs des Analytikers artikulieren.
Montag, 27. Juni 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan: Herr des Diskurses - Diskurs des Herrn
»Wenn bei einer ernsthaften Infragestellung des Wissens, die sich im etablierten Rahmen der Universität anbietet und fortpflanzt, etwas herauskommen konnte, dann gibt es keinerlei Grund dafür, daß sich das nicht in einem kleinen Schutzwinkel machen lassen könnte, so etwas in der Art wie dieser Ort hier, der sich dasselbe Gesetz geben würde, d.h., nicht etwas zu präsentieren, um irgendeinem Herrn ins rechte Licht zu setzen, sondern um etwas struktural Rigoroses zu sagen, was auch immer daraus werden mag. Das könnte eine größere Reichweite haben, als man zunächst erwarten mag.« (Jacques Lacan, 17. Juni 1970)
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Lesekreises über das Seminar XVII (Die Kehrseite der Psychoanalyse) präsentieren ihre Konzepte, Gedanken und Vorschläge rund um den Diskurs des Herrn und seine Funktion in Politik, Psychoanalyse und Philosophie und stellen sie zur Debatte.
Montag, 16. Mai 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan: Der Herr
Im Seminar XVII (Die Kehrseite der Psychoanalyse) entwickelt Lacan seine »vier Diskurse« und setzt die Psychoanalyse mit ihrer Kehrseite in Verbindung: dem Diskurs des Herrn.
Wir fragen: Was ist der Herr, dem die Fähigkeit zukommt in solcher Weise strukturierend zu wirken? Und auf welche Weise kann man sich bezüglich seines Diskurses positionieren wollen, als politisches Subjekt, als revolutionäres Subjekt?
Die Mitglieder des Lesekreises der Sektion Logik werden in mehreren kurzen Beiträgen das zur Sprache bringen und damit Zeugnis ablegen von dem, was von der Lektüre in den letzten Wochen und Monaten angestoßen worden ist.
Montag, 11. April 2011, 20:00 Uhr
Ernst Kerstan und Klaus Ganglbauer
Die Politische Differenz
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Es soll gezeigt werden, dass das sich das von Jaques Lacan im Seminar 17 entfaltet Diskurs-Schema ideal auf die die Konzepte der politischen Philosophie in Frankreich übertragen lässt, die in Anschluss an das post-strukturalistische Paradigma in diesem Sprachraum entwickelt worden sind.
1980 gründeten Lacoue-Labarthe und Nancy ein Zentrum zur philosophischen Untersuchung des Politischen („Centre de Recherches Philosophiques sur la Politique“). Ziel der Untersuchung war eine genuin philosophische Bestimmung des politischen Phänomens, die in der Folge von Laclau, Mouffe, Nancy, Lefort, Rancière, Agamben oder Badiou tatsächlich entfaltet worden ist.
Als Ausgangspunkt der im Vortrag zu entwickelnden Auseinandersetzung soll „Die politische Differenz“ von Oliver Machart dienen, der in diesem Werk einen historischen Überblick über die genannten Theorien des Politischen erarbeitet hat. Machart analysiert den Grund-Widerspruch der verschiedenen Ansätze anhand der ontisch-ontologischen Differenz Heideggers, wobei er das Ontische der Politik und das Ontologische dem Politischen zuzuordnen tendiert.
Wir behaupten, dass dieser links-heideggerianische Art, an das Phänomen des Politischen heranzugehen, den Nachteil einer grammato-logischen Unterbestimmung der für es generischen Differenz in sich birgt, und dass sich die in Frage stehende Differenz diesbezüglich präziser anhand des Lacanschen Diskurs-Schemas erörtern lässt.
Auf eine kurze Einführung in die funktionale Topologie des Diskurs-Schemas soll ein komprimiertes Referat der von Machart abgehandelten Positionen erfolgen, den Schluss wird eine Kritik der Machartschen Analytik bilden.
Montag, 28. März 2011, 20:00 Uhr
Late NITE Lacan extra mit PETER DYCK:
Introduction to Lacanian Topology
"Worüber man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen" sagte Wittgenstein. Die Psychoanalyse ist anderer Auffassung. Wovon man nicht sprechen kann, das muß man sagen oder zumindest zeigen, wie derselbe Wittgenstein sagt. Beim späten Lacan "zeigt" sich etwas mit der Logik und der Topologie. Die Matheme bilden einen Aspekt der vollständigen Mitteilbarkeit dessen, was Lacan als "Diskurs ohne Worte" preist.
Im Vortrag wird, auf dem Wege einer kombinatorischen Topologie, eine Einführung in Lacans Topologie geboten. Dieser Zweig der Mathematik begreift den Raum durch eine abstrakte Klassifikation von Eigenschaften, die durch bestimmte Manipulationen der in ihm enthaltenen Objekte nicht verändert werden. Dies wird zunächst an einigen Theoremen demonstriert, um dann zu der Operation zu kommen, die Lacan mit dem Möbiusband vornimmt. Wird dieses der Länge nach zerschnitten, so entsteht eine orientierbare Oberfläche, die einem Torus gleicht. Aus dieser Transformation soll die Theorie der Matheme, und im besonderen der vier Diskurse des Seminars 17 ("L'Envers de la psychanalyse") erläutert werden.
Der Vortrag wird englisch gehalten.
Peter Dyck ist Psychoanalytiker in Antwerpen und Brüssel, Mitglied der Vereinigung Acte psychanalytique (www.acte-psychanalytique.org).
Montag, 7. Februar 2011, 20:00 Uhr
Christoph Moik:
Geheimsein und Offenbarsein.
Der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause.
In dieser Ausgabe von Late NITE Lacan wird das geistige Schaffen Krauses in seinen Grundzügen zur Darstellung gebracht werden: Wer ist dieser Philosoph und warum wurde er beinahe vergessen? Ist eine Fruchtbarmachung in unserer Zeit, mit Lacan in den Augenwinkeln, möglich und sinnvoll?
Nebst seiner Lebenlehre (Geschichtsphilosophie), seiner Sittenlehre und den Grundwahrheiten, beanspruchte Krause den fundamental-globalen Horizont in die Philosophie gebracht zu haben (Menschheitsbund). Seine Erkennlehre (Logik) und die dazugehörige Anleitung beanspruchen organisch-harmonisch zu sein. Im Verlauf des Abends sollen der Wissenschaftsgliedbau Krauses und die Wesenschau für eine Analyse im Lacan’schen Diskursschema vorbereitet und mögliche Anküpfungen diskutiert werden.
Krauses praktische Philosophie ist mit der Masonei (Freimaurer) eng verknüpft. Seine Lehren führten zum Ausschluss aus der Freimaurerbruderschaft, welche erst posthum widerrufen wurde. Er hat Zeit seines Lebens jede Geheimniskrämerei abgelehnt und versucht die freie Publizität und Offenbarkeit in der Bruderschaft durchzusetzen. Krause forderte die Gleichstellung der Männer mit den Frauen, sowie aller Menschen, auch Kindern, und Greisen. Dies hat ihn unter Anderem zum verhassten Vertreter eines positiven Idealismus gemacht, dessen Einfluss nicht zu unterschätzen ist.
In diesem Sinne erwartet alle Interessierten ein Abend der Offenbarung der nicht-geheimen, aber vergessenen Philosophie von K.C.F. KRAUSE.
Montag, 17. Jänner 2011, 20:00 Uhr
Sándor Ivády:
Die Buchstabensuppe des Genießens
Yes, we Lacan! Bekannt ist Lacan für den Begriff des Signifikanten, den er folgenschwer für die Psychoanalyse erschlossen hat. Doch bei aller Liebe zum Signifikanten und dem Begehren braucht die Dimension des Buchstabens und des Genießens nicht unbedingt vergessen zu werden. Denn woher stammt eigentlich das rätselhafte Genießen des drängenden Buchstabens, mit dem das Unbewusste in Traum, Witz und Fehlleistungen spielt? Nicht als Gegenbegriff zum Signifikanten, sondern vielmehr zur Klärung dessen, was es damit auf sich hat, wird der Buchstabe in einigen seiner Facetten beleuchtet werden.
Montag, 06. Dezember 2010, 20:00 Uhr
Noah Holtwiesche & Sándor Ivády:
Schön Obszön! Zu einer Theorie der Entrüstung
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»Das ist ja obszön!« - Banker-Boni, Burka, Sex und institutionelle Willkür - das Obszöne erregt die Gemüter und ist nicht erst seit gestern en vogue. Längst nicht mehr nur Mittel künstlerischer Provaktion oder Ausdruck religiöser Eitelkeiten, ist aus der Empörung über das Obszöne ein wichtiges politisches Instrument geworden. W as aber bringt ein Subjekt dazu, sich vor aller Welt zu empören, und sich damit der Erniedrigung hinzugeben, so anklagend seine Ohnmacht angesichts der ihm ins Auge springenden Obszönität öffentlich darzustellen? Die Funktion des Zeigens ist entscheidend, und zwar in einem doppelten Sinn: Das Hinweisen auf eine Gesetzesübertretung weist zugleich zurück auf das sich lächerlich spießig an das Gesetz klammernde Subjekt, und belegt damit, wie sehr es von diesem abhängt. So bewahrt sich das Subjekt in diesem paradoxen Akt der Veräußerung eines Genießens an den Anderen insgeheim einen Teil davon. Wie trägt die Entrüstung zur Konstitution des Subjekts bei? Welches Verhältnis zum Gesetz artikuliert sich in der öffentliche Empörung? Anhand dieser Leitfragen entwickeln wir unseren Beitrag.
Montag, 08. November 2010, 20:00 Uhr
Wolfgang Brumetz:
Lacan mit Hintikka
Ausgehend von der Feststellung eines Widerspruches in Lacans Theorie des Signifikanten wird die Frage nach der Logik des Unbewußten gestellt und ein neuartiger Ansatz vorgeschlagen. Hierdurch soll der psychoanalytischen Klinik wieder zu ihrem Recht verholfen sowie eine Interpretation von Alain Juranvilles These eines philosophischen Wissens des Unbewußten vorgeschlagen werden.
Textgrundlage:
W. Brumetz, Zum Begriff des Unbewußten, in: A. Ruhs und W. Seitter (ed.), Unbewußtes Inszenieren, Sonderzahl-Verlag, Wien 2007
-, Freud diagonal gelesen, in: texte.psychoanalyse.kulturkritik.ästhetik (erscheint in Kürze, vorerst beim Autor erhältlich (brumetz@pharmchem.uni-graz.at))
J. Lacan, Subversion du sujet et dialectique du desir dans l'inconscient freudien, in: Ecrits, Seuil, Paris 1966, S. 793-828
Montag, 04. Oktober 2010, 20:00 Uhr
Mia Kager und Klaus Ganglbauer:
Kritik der Gendertheorie
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Lacan entwickelte im Seminar XX eine Dekonstruktion der Geschlechtsdifferenz anhand seiner Signifikantenlogik, die sich nachträglich kritisch auf Butlers Genderkonzept anwenden lässt. Wir unterstellen Butler tendenziell eine nominalistische und undialektische Auslegung des Symbolischen, sofern sie dieses einerseits mit dem phallischen Gesetz des Vaters identifiziert, andererseits auf eine so genannte „vorontologische Bezeichnungsstruktur“ reduziert. Dadurch entsteht das Phantasma, dass jenseits des „männlichen“ Symbolischen noch eine weniger entfremdete Form des Realen existiere, respektive ein der Abwehr unterliegendes „weibliches“ Genießen subsistieren würde.
Wir werden von der Erörterung des dialektischen Verhältnisses zwischen dem Symbolischen und dem Realen bei Lacan und seinem Entwurf der Nicht-Alle-Totalität ausgehen, die für die männliche und weibliche Formen der Sexuierung konstitutiv ist. Unterstützend soll auf die Thesen von Joan Copjec Bezug genommen werden, die an Butler Ähnliches kritisiert.
Montag, 21. Juni 2010, 20:00 Uhr
Andrea Wald (Chicago):
Subversion des Subjekts
Nach unserem letzten Workshop zum Drängen des Buchstabens soll auch diesmal wieder ein zentraler Text Lacans im Zentrum unserer Betrachtung stehen. In "Subversion des Subjekts und Dialektik des Begehrens im Freudschen Unbewussten" erarbeitet Lacan sein Konzept einer topologischen Struktur des psychischen Apparats anhand dessen was er als den Graph des Begehrens in seine Lehre einführt. Ziel des Workshops ist die gemeinsame Lektüre und Diskussion der zentralen Passagen dieses Textes. Geleitet werden wird unsere Lektüre durch vor allem durch die folgenden zwei Fragen: ‚Warum Topologie (mit Lacan) und nicht Topographie (mit Freud)?‘, und ‚Wo ist das Subjekt im Lacanschen Graph?‘
Montag, 24. Mai 2010, 20:00 Uhr
Klaus Ganglbauer:
Das Drängen des Buchstabens
Ein zentraler Schlüsseltext in der Entwicklung des Lacanschen Denksystems ist "Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft nach Freud." In diesem extrem dichten Text finden sich Momente, die sich verschiedenen Phasen der Entwicklung dieses Systems (nach Elisabeth Roudinesco) zuordnen lassen: 1.) der frühen oder phänomenologischen Phase mit ihren Referenzen auf Hegels Dialektik der Anerkennung und Heideggers Sprechen der Sprache, 2.) der strukuralistischen Phase im Sinne eines Briefes/Buchstabens, der an seinem Platz fehlt, und 3.) der poststrukturalistischen Phase. Die letztgenannte Phase basiert einerseits auf der formal exakten Beschreibung der Funktionen von Metapher und Metonymie, andererseits impliziert sie eine Rückkehr zu den klassisch modernen Kategorien eies transyendentalen Subjekts und Objekts des Signifikanten, was sich in Lacans Dekonstruktion des Cogitos und in der objektalen Vorschrift des Phantasmas niederschlägt. Es wird anhand der Lektüre ausgewählter Passagen gezeigt, wie die Bedeutung des Begriffs des Signifikanten radikal von seiner bloß linguistischen Bestimmung abgelöst und als sujet (Substanz-Subjekt) des Dynamisch-Unbewussten entfaltet wird. Weiters wird der Versuch unternommen, verstärkt die philosophischen Implikation des Textes zu explizieren.
Montag, 19. April 2010, 20:00 Uhr
Sándor Ivády:
Subtext - Lacan mit Recanati
In Lacans Seminar XX, Encore, hält François Recanati in der zweiten Sitzung einen Vortag, der nicht ohne Effekt für die weitere Entwicklung des Seminars bleibt. Er nimmt darin Fragen vorweg, die später auch Alain Badiou interessieren werden. Dabei spannt Recanati den Bogen von Lacan zu Peirce und der Logik von Port-Royal. Vielleicht lässt sich durch die Behandlung dieses wenig bekannten Textes, der sich nicht in der Miller-Ausgabe des Seminars findet, etwas Licht in das zumeist dunkle, rätselhaft-reizvolle ‚Seminar zwanzig‘ bringen.